Kategorie: abgeschlossenes Projekt

150 Jahre Jugendheim Viktoria-Stiftung Richigen

150 Jahre Jugendheim Viktoria-Stiftung Richigen Festschrift für die Viktoria-Stiftung Richigen

Das Jugendheim Viktoria-Stiftung Richigen kann im Jahr 2009 auf eine bewegte 150-jährige Geschichte zurückblicken, im Laufe derer sich das einstige Mädchenheim markant verändert hat. Es ist zu einem nach modernen pädagogisch-erzieherischen Grundsätzen geführten Jugendheim für männliche wie weibliche Jugendliche geworden, das einen geschlossenem, einen halboffenem und einen offenem Bereich sowie einem Angebot für die externe Betreuung hat. Das Kerngeschäft der Stiftung, die Heimerziehung beziehungsweise die Betreuung der jugendlichen Klientel, befindet sich in einem Bereich, in dem auch in Politik und Gesellschaft kontrovers diskutierte Vorstellungen von Familie und Familienpolitik, von Jugend und Jugendpolitik aufeinander treffen. Immer wieder werden in diesem Zusammenhang soziale Probleme und ihre Ursachen wie auch die häufig damit verbundenen Phänomene der Jugendkriminalität und Jugendgewalt sowie Massnahmen zu deren Bewältigung debattiert.

Leseprobe

Die Gründungs- und Pionierzeit
Die Viktoria-Stiftung Richigen, von der das Jugendheim getragen wird, verdankt ihre Existenz dem Kaufmann und späteren Bankier Jakob Rudolf Schnell. Der aus Burgdorf stammende Schnell, der in Paris zu Reichtum gekommen war, vermachte in seinem Testament von 1859 einen Teil seines Vermögens dem Kanton Bern mit der Auflage, dass der jährliche Zinsertrag für den Unterhalt einer oder mehrerer Erziehungsanstalten für mindestens hundert arme Mädchen aus allen Teilen des Kantons eingesetzt und die Stiftung nach seiner verstorbenen Frau Viktoria benannt werden solle. Die Viktoria-Anstalt reihte sich ein in die zahlreichen Institutionen, die von privater oder staatlicher Seite im 19. Jahrhundert gegründet wurden, um die grosse, als Folge des Zusammenbruchs der alten Ordnung entstandene Armut zu bekämpfen. Von 1859 bis 1864 war die Viktoria-Anstalt provisorisch im Maygut in Kleinwabern untergebracht, danach zog sie in die neu errichteten Gebäude auf dem Neuhausgut ebenfalls in Kleinwabern um. Die ihrer rechtlichen Form nach unselbstständige Stiftung stand unter der Oberaufsicht des Regierungsrats. Er wählte die Mitglieder des „Direktion“ genannten Aufsichts- und Leitungsorgans. Die Führung der Anstalt oblag dem Hausvater. Das Vermögen wurde von der Hypothekarkasse des Kantons verwaltet. Allmählich wuchs die Zahl der Zöglinge an, jeweils zehn bis zwölf Kinder bildeten anfänglich einen Familienkreis unter der Leitung einer Erzieherin, welche die Rolle einer Mutter übernahm. Die Mädchen stammten von armen, „sittenlosen“ Eltern oder waren Voll- oder Halbwaisen. Die katholischen Zöglinge wurden bis 1877 nicht in Wabern, sondern im Orphelinat Saignelégier untergebracht. Der Anstaltsalltag war geprägt von Arbeit, die Mädchen, Erzieherinnen und der Hausvater bewirtschafteten ein zeitweise gegen 70 Jucharten grosses Gut mit Hilfe einiger Knechte. Daneben besuchten die Mädchen die anstaltsinterne Schule, arbeiteten im Haushalt und führten Textilarbeiten auf Bestellung aus. Das von bürgerlichen Idealen geprägte Erziehungsziel war, aus den Mädchen „nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft“ zu machen. Sie sollten nicht in Armut und Unsittlichkeit fallen, sondern ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten und später gute Hausmütter und Gattinnen werden. Ein grosser Teil der nach der Konfirmation aus der Anstalt entlassenen Zöglinge trat eine Stelle als Dienstmädchen an. Einige besonders begabte Mädchen wurden aber auch zu Lehrerinnen ausgebildet. Erziehungsmethode und –ziel der Viktoria-Anstalt änderten sich bis ins 20. Jahrhundert hinein kaum.

Von der Zwischenkriegs- in die Nachkriegszeit
Im 20. Jahrhundert war der Landwirtschaftsbetrieb lange Zeit mitbestimmend für den Alltag in der Viktoria. Auf dem Neuhausgut in Wabern verfügte die Anstalt über eine grosse landwirtschaftliche Nutzfläche, die es ihr weitgehend erlaubte, die Selbstversorgung sicherzustellen. Dazu war auch der aktive und für ein Mädchenheim unübliche Einsatz der Zöglinge in der Feldarbeit notwendig. Die Viktoria mass dieser Tätigkeit einen hohen erzieherischen Wert bei. In ökonomischer Hinsicht wandelten sich die schlechten Ertragsquoten der Zwanzigerjahre unter neuer, fachkundigerer Führung in profitable Betriebsergebnisse. Da sich die Viktoria mit dem, was ihr Land hergab, selber versorgen konnte, blieb sie von der Nahrungsmittelteuerung während des Zweiten Weltkriegs verschont. Durch die aktive Teilnahme am “Plan Wahlen” und entsprechendem Mehraufwand konnten Ertrag und Rentabilität weiter erhöht werden.
In erzieherischer Hinsicht orientierte sich die Viktoria in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an den pädagogischen Grundsätzen von Johann Friedrich Herbart und Tuiskon Ziller. Die Zöglinge waren in “Familiengruppen” von 12 bis 15 Mädchen unterteilt, was damals als modern galt. Die einzelnen Gruppen wurden von Erzieherinnen geleitet, die gleichzeitig den Schulunterricht erteilten. Später wurden die beiden Funktionen getrennt. Der Heimalltag war von klaren Regeln und strenger Disziplin geprägt. Wegen der autoritären Systeme und gängigen Körperstrafen gerieten die Erziehungsanstalten in die öffentliche Kritik, von der auch die Viktoria nicht verschont blieb. Mitte der Fünfzigerjahre hielt mit dem Heimelternpaar Köhli ein modernerer Erziehungsstil Einzug. Die neue Leitung hatte noch gut 40 Zöglinge zu betreuen; zu Beginn des Jahrhunderts waren es fast dreimal mehr gewesen.
Äusserlich befand sich das Viktoriaheim in Wabern in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in desolatem Zustand. Die Gebäude waren renovationsbedürftig, viele Installationen defekt und das Mobiliar meist alt und verbraucht. Zwar wurde in der Folge vieles repariert, erneuert und ersetzt, doch Mitte der Fünfzigerjahre wurde die Notwendigkeit einer grossen Gesamtrenovation erneut manifest. Aufgrund einer guten Gelegenheit baute man das alte Heim jedoch nicht um, sondern kaufte ein passendes und kleineres Anwesen in Richigen. Der Umzug führte nicht nur zu einem Wechsel der Lokalitäten, sondern auch zu einer Neugestaltung des Heimalltags.

Die vergangenen fünfzig Jahre
In der Zeit seit dem Bezug der Gebäulichkeiten in Richigen zu Beginn der Sechzigerjahre wandelte sich das Viktoria-Heim vom Mädchenheim in das heutige moderne Jugendheim für männliche wie weibliche Jugendliche mit je einem geschlossenen, halboffenen und offenen Bereich sowie differenzierten pädagogisch-erzieherischen Ansätzen. In diesen Jahren durchlief das Heim mehr und gewichtigere Veränderungen als in den 100 Jahren zuvor. Das Viktoria-Heim geriet mehrmals in den Strudel gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen. Verschiedene Kräfte wirkten von aussen auf das Heim ein; diese äusserten sich als wandelnde Anforderungen an das Heim seitens der „Gesellschaft“, der einweisenden Stellen und der Klienten, als teils harte gesellschaftspolitisch und ideologisch motivierte Auseinandersetzungen über Heimwesen und Fremderziehung sowie als wirtschaftliche Zwänge, welche das Heim zur Suche nach „Marktnischen“ nötigten. Ein wichtiger Antrieb für Veränderungen im Heimwesen war die Heimkritik, die sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren akzentuierte und die Glaubwürdigkeit stationärer Einrichtungen, also der Heime, in der Öffentlichkeit erschütterte. Sie stiess aber auch eine Entwicklung an, welche die Heime weg von einer eher autoritären Erziehung und „Verwaltung“ der ihnen anvertrauten Kindern hin zu neuen pädagogisch-erzieherischen Konzepten bzw. einer intensiveren und individueller ausgerichteten Betreuung führte. Dies traf auch auf das Viktoria-Heim zu, ab Mitte der Siebzigerjahre wurden die Gruppen kleiner und die Betreuung intensiver. Trotz aller Neuerungen blieben in der Öffentlichkeit, aber auch bei einweisenden Behörden, Vorbehalte gegenüber stationären Einrichtungen bestehen, man zog ambulante Programme der Heimerziehung vor. Dies bekam auch das Viktoria-Heim zu spüren, es litt in den Siebzigerjahren unter chronischer Unterbelegung; in den Achtzigerjahren mussten die Betriebskosten deswegen auch mit dem Stiftungsvermögen gedeckt werden, was das Heim an den Rand des Ruins brachte. Diese Jahre waren geprägt von grosser Unsicherheit über die Zukunft des Heimes, der intensiven und schliesslich erfolgreichen Suche nach einer Überlebensstrategie und der erfolgreichen Umsetzung dieser Strategie mit der Einrichtung eines geschlossenen Bereiches Ende der Achtzigerjahre und der Öffnung des Heimes für männliche Jugendliche. Die Neukonzeption veränderte den Charakter des Heimes grundlegend und prägt ihn noch heute.

Bibliographische Angaben

Brodbeck, Thomas / Chocomeli, Lucas / Schüpbach, Andrea: Der Jugend verpflichtet. 150 Jahre Jugendheim Viktoria-Stiftung Richigen, Ostermundigen 2009.

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