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Ortsgeschichte Wohlen

Ortsgeschichte Wohlen Ortsgeschichte Wohlen

Ende 2006 ist die in zweieinhalbjähriger Arbeit entstandene Ortsgeschichte über Wohlen bei Bern erschienen. Reich bebildert sowie anschaulich und verständlich geschrieben wird auf über 200 Seiten die Geschichte der Gemeinde und ihrer Bewohner im 19. und 20. Jahrhundert dargestellt. Die Ortsgeschichte basiert auf lokalen und regionalen Quellen aus verschiedenen Archiven und auf einer ausgedehnten Literaturrecherche. Vergangenes und Vergessenes aus dem Leben der “einfachen” Wohlener wird in grossen Zügen, aber auch mit Tiefenbohrungen im harten historischen Gestein wieder lebendig: Geschildert werden unter anderem der Wohlener Alltag in den Weltkriegen, der Bau des Wasserkraftwerks Mühleberg vor fast 100 Jahren, die religiöse Praxis in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die politischen Turbulenzen in neuester Zeit oder der Aufschwung des Biolandbaus im 20. Jahrhundert.

Leseprobe

Elektrifizierung und Kraftwerk Mühleberg: „Grosse Zeiten fordern grosse Opfer“

Widerspruch gegen den Bau gab es in der entscheidenden Projekt- und Genehmigungsphase im Jahr 1917 wenig, die meisten Betroffenen schienen damals nicht daran gedacht zu haben, im Gegenteil: Gemeinderat und Einwohnergemeinde Wohlen nutzten entschlossen die Gelegenheit, um BKW und Kanton ein Brücken- und Strassenbauprogramm abzuringen, welches weit umfangreicher war als ursprünglich von den BKW geplant. Dies war der politische Preis für die Einwilligung in einen Bau, der das Antlitz Wohlens entscheidend verändern sollte. Auch die Privaten vertrauten offenbar darauf, ausreichend entschädigt zu werden. Zudem versprach das Werk auch neue Arbeitsplätze und neue Steuererträge für die Gemeinde – und schon kurz nach der ersten Aufstauung zog der Wohlensee erste alternative Nutzer an (siehe Abbildungen). Nicht zu vergessen ist ferner auch die Bedeutung des Werks für die Elektrifizierung der Region, deren Sinn auch in der Gemeinde nicht infrage gestellt wurde.
Dies war die praktische Seite. In Rudolf von Tavels Rechtfertigung des Baus werden zwei weitere, über die Interessen des Einzelnen hinausreichende Motive angeführt:  Einerseits wird die vermeintlich gottlose technisierte Moderne als Erfüllung von Gottes Willen gedeutet und andererseits die „grosse Zeit“, die „grosse Opfer“ erfordere, beschworen. Dieses zweite, weltliche Motiv findet sich auch in den Akten von BKW, Gemeinden und Landeignern. Das Erbringen von Opfern für das allgemeine Wohl war oberste Pflicht, Einzelinteressen waren dem „Ganzen“ unterzuordnen. Und damit war das nationale Interesse, das Landesinteresse, gemeint; das Wachstumsprogramm der Elektrizitätswirtschaft war gekoppelt mit solchen politisch-ideologischen Inhalten.  Dies half mit, ein für die Betroffenen auch mit Verlust, Umsiedelung und persönlichen Tragödien verbundenes Projekt widerspruchslos umzusetzen – keiner wollte als Saboteur der Landesinteressen dastehen.
Diese Rechtfertigungsformel erhielt aber Risse, als die Folgen des Baus für die Betroffenen konkret sichtbar wurden, etwa als die Landwirte ihr Land und ihre Ernte im Wasser versinken sahen. Die BKW verkannten vermutlich den Symbolgehalt solcher Vorfälle – oder es war ihnen schlichtweg gleichgültig – und verstärkten dadurch, wie auch durch die zuweilen unzimperliche Durchsetzung ihrer Interessen, deren negative Wahrnehmung in der betroffenen Bevölkerung noch. Dies stellte die Elektrifizierung und das Werk an sich nicht infrage, allerdings begannen bäuerliche Kreise die Rede vom Opfer-Erbringen, vom übergeordneten Interesse des „Ganzen“, kritischer zu beurteilen, indem sie z. B. auf eine für sie angemessene finanzielle Anerkennung der von ihnen erbrachten „Opfer“ pochten. In die gleiche Richtung wies das Unterfangen, das Bauerntum und dessen Werte, die Verbundenheit zur „Scholle“ und zur „Heimat“, das Selbstverständnis als „Hüter des Staatsgedankens“, dem „Ganzen“ zumindest gleichwertig gegenüberzustellen oder sie gar darüber zu stellen.

Bibliographische Angaben

Brodbeck, Thomas; Schüpbach, Andrea: Wohlen bei Bern im 19. und 20. Jahrhundert. Eine Gemeinde zwischen Stadt und Land, Bern 2006.

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